Gedanken über CERN und etwas mehr
Nun, es ist vollbracht. Kanzler Faymann sieht das Thema CERN “als beendet” an. Die Weißkittel freuen sich, BM Hahn ist vermutlich peinlich berührt. In der letzten Woche hatte ich viel Gelegenheit dazu mich über CERN zu informieren und Meinungen einzuholen. Meine erstaunlichste Erkenntnis: Die Wissenschaftsgemeinschaft ist gespaltener als ich dachte.
Der überwiegende Teil der Physiker glaubt an die Existenz einer Theory of Everything (TOE, Weltformel). Dahinter steckt das Bestreben, die unterschiedlichen Modelle der vier bekannten Wechselwirkungen in der Physik, zu einer gemeinsamen Theorie zusammen zu führen. Das Hauptproblem liegt in der strukturellen Verschiedenheit der unterschiedlichen Theorien. Beschreibt die allgemeine Relativitätstheorie ein makroskopisches Modell über die Beschaffenheit unserer Welt auf Basis der Gravitation, so bedient sich die Quantentheorie eines Modells auf Basis der kleinsten existierenden Teilchen.
Das CERN ist mit dem LHC auf der Jagt nach dem Higgs-Boson. Dieses Teilchen ist theoretisch in der Lage, die Masse, und somit die Gravitation, auf einen Quanteneffekt zurück zu führen, also in die Quantentheorie zu integrieren. Ein weiterer Schritt in Richtung Weltformel? Möglicherweise.
Es gibt jedoch auch eine Fülle an Kritikern. Ich habe dazu Ao. Univ.-Prof. Johann Summhammer vom Atominstitut in Wien befragt. Er meint, “[...] Die Frage am CERN, nämlich ‘was sind die fundamentalen Bausteine der Welt?’ halte ich für falsch. Es gibt solche nicht. Wir finden bloß die zufällige ‘Geologie’ unseres Universums, die so oder auch anders hätte sein können”. Ich habe eine Zeit lang über diese Aussage nach gedacht und habe für mich zwei Schlussfolgerungen gezogen.
Nummer eins. Was wir Menschen als Wirklichkeit bezeichnen ist ein permanenter Vergleich zwischen neuen Sinnesreizen mit unserem Gedächtnis. Das ‘Lernen’ ist ein Vorgang den ich als Integration von Sinnesreizmustern in unser Arbeitsgedächtnis verstehe, vergleichbar mit dem Austreten eines Trampelpfades. Die Interpretation und Verknüpfung des Arbeitsgedächtnis, bezogen auf eine Situation, erlaubt es uns zusätzlich Vorhersagen zu treffen und Entscheidungen zu fällen. Da jedoch der gesamte Verarbeitungsprozess, sowohl das Lernen als auch die Interpretation, auf Sinneswahrnehmung beruhen, also einer Umwandlung von Ursachen in elektrische Reize, können wir niemals daraus den Anspruch ableiten, über die genaue Beschaffenheit der Ursachen Bescheid zu wissen. Wir besitzen kein solches Wirklichkeitsorgan und besitzen daher auch keinen Blick auf die Wirklichkeit als Außenstehender. Ähnlich sehe ich das Entwickeln eines physikalischen Modells. Das Modell besitzt einzig eine Viabilität – ein Maßstab, wie gut sich das Modell eignet Beobachtungen zu beschreiben und Vorhersagen zu treffen. Auch daraus lässt sich kein Anspruch auf eine ontische Wirklichkeit ableiten. Die Suche nach einer Weltformel mutet auf den Versuch an die wahre Wirklichkeit zu finden und ist daher möglicherweise stark selbstbeschränkend und irreführend.
Nummer zwei. Der US-amerikanische Physiker Robert Laughlin sieht in dem Ansatz, alle Dinge in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen, um damit die Welt zu erklären, den falschen Weg, da dadurch die dynamischen Zusammenhänge in einem größeren System dieser Bestandteile nicht erfassbar sind. Auch hier möchte ich die Brücke zu den Neurowissenschaften schlagen. Die biochemische Funktionsweise von Reizübertragung zwischen Neuronen über synaptische Verbindungen im Gehirn ist gut durch entsprechende Modelle beschrieben. Wir kennen also den atomaren Bestandteil des Systems sehr gut. Der Versuch die dynamischen Vorgänge zu beschreiben, wie Informationsverarbeitung im Hirn von statten geht, um das zu schaffen was wir sind, steckt noch nicht einmal in den Kinderschuhen, da man sich nicht sicher ist, wie man denn am besten anfangen soll. Möglicherweise liegt in der Weiterentwicklung der Systemtheorie eine der nächsten größen Herausforderungen der Menschheit. Möglicherweise ist das CERN eine teure Sackgasse.
#m